Verfasst von: adrian4xp | Juni 8, 2009

Ignatius von Loyola und das Ruhen im Geist

Wenn man einmal auf einem charismatischen Kongress gewesen ist, wird man das Phänomen kennen, dass Menschen beim Gebet umfallen. Meist geschieht das, wenn füreinander gebetet wird. Dabei verlieren diese Menschen aber nicht das Bewusstsein, sondern – wenn sie dem Impuls zustimmen – fallen sie bewusst einfach nur um. Dabei spüren sie meist etwas, in dem innere Heilung voranschreitet und ein Frieden Gottes sich ausbreitet. Dafür wird meist der Begriff “Ruhen im Geist” verwendet.

Vor einiger Zeit erlebte ich aber auf einer CE-Veranstaltung eine Form des Ruhens, die sich von den oben skizzierten deutlich unterschied und die auch die Verantwortlichen so noch nicht kannten. Ein junger Mann verspürte einen Schmerz in der Bauchgegend, der ihn zunehmend steif werden, aber auch erschlaffen ließ. Als ich dazugerufen wurde, klärte ich erst einmal ab, dass das Ganze keine Vergiftungserscheinung sei. Die Phänomene, die ich sah, kamen mir aber aus der Literatur bekannt vor. Ich erinnerte mich an einige Passagen aus der Ignatiusbiographie von Ignacio Tellechea.

Wenn der Normalkatholik an Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens, denkt, wird er sicher nicht das Bild eines Extremcharismatikers vor Augen haben, sondern eher das eines nüchtern denkenden, psychologisch sehr einfühlsamen Mannes, der tatkräftig “den Seelen hilft”. Das ganze religiöse Leben des Ignatius ist aber begleitet von Visionen, Auditionen und vielen anderen Charismen. Aber abgesehen von der Unterscheidung der Geister kommen bei Ignatius die Gaben des Heiligen Geistes und auch der Heilige Geist ausdrücklich nur äußerst selten und meist nur im Zusammenhang mit Überlegungen zur oder Offenbarungen der Dreifaltigkeit vor. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Ignatius den Eindruck vermeiden wollte, er sei ein Alumbrado, ein Mitglied jener Gruppierungen des 16. Jhds, die sich direkt auf den Heiligen Geist beriefen und die Menge der Gläubigen und die Strukturen der Kirche verachteten. Sie hielten sich äußerlich an die Regeln der Kirche, trafen sich aber zu Hauskreisen, wo sie ihre Interpretation der “Freiheit der Kinder Gottes” viel zu berechtigter Kritik an der kirchlichen Situation der damaligen Zeit nutzten, oft aber auch für moralische Exzesse o.ä. missbrauchten.

Ignatius kam dennoch schon recht früh mit der Inquisition in Kontakt, bei der er genau deswegen angezeigt worden war. Der Lebensstil seines Freundeskreises in Alcalá “nach Art der Apostel” zu leben, brach damals in vielen Gegenden Europas auf, oft mit mehr als nur einem deutlichen Unterton gegen die hierarchisch verfasste Kirche. Aber neben allem, was sonst noch neu war an der Gruppe, war es ein Detail, was die Aufmerksamkeit der Inquisitoren, genauer gesagt, die des Vikar Figueroa in einem Nachfolgeprozess, besonders erregte; die so genannten seltsamen Ohnmachten im Kreise der iñiguistas, der Frauen und Männer also, die sich um Ignatius sammelten:

Das Alarmierendste für den Vikar Figueroa war die Nachricht von den merkwürdigen Ohnmachten und Konvulsionen im Kreis der “iñiguistas”… Die neuen Untersuchungen Figueroas hatten drei präzise Ziele: Er suchte eine Erklärung für die Ohnmachten und Anfälle, die in den Zirkeln der “iňiguistas” vorfielen. Zweitens… Für Iñigo waren die Gründe der Ohnmachten, die fünf oder sechs Frauen heimsuchten, sehr klar: Während sie ihr Leben änderten und sich von den Sünden trennten oder von großen dämonischen Versuchungen und ähnlichen Dingen, waren die Ohnmachten die Widerspieglung des inneren Ekels oder des Widerstands, den sie in sich spürten. Er machte ihnen Mut, standhaft zu bleiben, indem er ihnen versicherte, dass Versuchungen dieser Art schon nach wenigen Monaten verschwinden. Er rechtfertigte seine Voraussagen, “denn im Hinblick auf die Versuchungen, wenn auch nicht im Hinblick auf die Ohnmachten, scheint es, dass er sich durch die Erfahrung an der eigenen Person auskennt.” (Ignatius von Loyola – allein und zu Fuß. Eine Biographie von Ignacio Tellechea, Zürich: Benziger 1991, S. 169 hier)

Daran musste ich denken, als wir für diesen jungen Mann weiter beteten. Ich sagte seinen Freunden, die dabei standen, sie sollten weiterbeten. Das würde sich im Laufe des Abends lösen und eine größere Freiheit zurücklassen; und so war es dann auch. Diese Art des “Ruhens im Geist” ist eine Methode Gottes, in der alte Erfahrungen sich quasi eruptiv lösen dürfen. Dabei wird physisch erfahrbar, wie sich ein Mensch in Situationen fühlte, wo er früher – meist psychisch – Gewalt erfahren hatte oder sich unfähig fühlte etwas zu ändern an einer traumatisierenden Situation. So etwas verkürzt den Heilungsprozess oft ungemein. Diese Art des “Ruhens im Geist” ist allerdings für die Betroffenen nicht sehr angenehm. Es sind quasi die Geburtswehen einer bestimmten Art innerer Heilung. Ignatius würde sagen, dass das, was emotional erfahren wird, nicht so sehr der Trost des guten Geistes ist, sondern die Rückzugsgefechte des besiegten bösen Geistes sind.

Ignatius ließ seine Umgebung nur immer sehr begrenzt an seinen Visionen und Auditionen teilnehmen. Wer mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich den “Bericht des Pilgers”, in dem Ignatius in der Er-Perspektive und erst nach langem Drängen Seiner Mitbrüder von seinem Bekehrungsweg erzählt, sowie das Buch von Tellechea, aus dem ich zitiert habe. Das sind leicht und erbaulich zu lesende Einstiege – nicht nur zu diesem Thema.

Bericht des Pilgers als Buch oder hier online

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