Verfasst von: adrian4xp | Juni 14, 2009

Sklaven der Möglichkeit

Es gibt in der frischen Jugendzeit oft bestimmte Situation, die zum Erwachsen werden dazugehören: Man wird sich immer mehr seiner Möglichkeiten bewusst. Ich kann Fußball spielen. Ich kann jetzt länger weg bleiben von zuhause. Ich kann jetzt mit meiner Band was machen. Ich kann Modellflugzeuge basteln und steigen lassen. Und die nächste Party will ich ja auch nicht vergessen.

Manche fangen viel an. Sie setzen immer noch eine Priorität mehr auf ihren Kalender und dann noch eine und noch eine. Doch irgendwann stagniert es bei siebzig ganz wichtigen Dingen. Ich habe nicht mehr genügend Zeit für die Bandproben. Meine Mutter labert mir die Ohren voll wegen meiner schulischen Leistungen. Meine neue Fernsteuerung gammelt bereits seit einem halben Jahr in meiner Werkstatt vor sich hin und jetzt muss ich mich wieder entscheiden, ob für das Fußballturnier am Sonntag mal wieder der Messbesuch dran glauben muss. Dann beklage ich mich bei der nächsten Party darüber und saufe mich vor Betrübnis darob nieder, liefere am nächsten Tag verkatert ein schlechtes Spiel ab mit einem noch schlechteren Gewissen, weil ich wieder nicht der Einladung Gottes gefolgt bin; ach es ist alles so furchtbar in dieser Welt und alle sind so bös zu mir.

Lektionen und Ausweichmanöver

Die Lektion, die der Heranwachsende lernen muss: Ich kann mir nur begrenzt Prioritäten leisten. Und: Prioritäten bleiben nur Prioritäten, wenn ich sie schütze – also für jede neue Priorität auf meiner Liste eine andere als Posteriorität entferne. Das hängt einfach mit unseren begrenzten Möglichkeiten und Ressourcen zusammen. Es gibt verschiedene Strategien mit diesem Grundproblem umzugehen.

* Die erste ist, es einfach treiben zu lassen, lustgesteuert aus dem Moment heraus zu leben – und letztlich festzustellen, dass alles überhaupt keinen Sinn mehr macht im Leben, weil alles, was mir wichtig ist, letztlich nicht weiter vorankommt, bzw. weil ich sogar alle Möglichkeiten vergammeln ließ. Weil ich immer nur das Leichteste gemacht habe, hat mein Leben kein Gewicht mehr.

* Eine zweite Methode ist, sich für etwas zu entscheiden und das dann auch mit Entschiedenheit zu tun. Das kann funktionieren. Aber… vielleicht ist meine Entscheidung ja auch ein Schuss in den Ofen und ich stelle fest, dass ich doch lieber das Andere gewählt hätte. Ohne Kriterien bleiben Entscheidungen nur Willkür also ein Glücksspiel.

* Eine Methode dazwischen ist: sich mal eine Zeit lang dafür, mal eine Zeit lang dafür zu entscheiden, sich aber nie festzulegen – auch nicht in einer Beziehung.

* Manche lassen sich die Entscheidung auch abnehmen, weil das bequemer so ist. Zuerst sagen ihnen ihre Eltern, was tun oder lassen sollen, dann der Ehepartner, Chef, der Pfarrer, die beste Freundin etc.

Derlei „Methoden“ gibt es aber noch weitaus mehr.

das brennende Kind

Ein Problem mit einer Vielzahl von solchen Herangehensweisen ist, dass wir auf den zahllosen Klippen unseres persönlichen Weltmeeres Schiffbruch erleiden werden; wenn wir Glück haben eher, wenn wir Pech haben später. Dann fragen wir Gott nämlich immer, wie er das zulassen konnte – vor allem, wenn die Scherben meines Lebensentwurfes in meinen Händen liegen.

Aber war es wirklich Gott, der das zugelassen hat? Das kann er nämlich nur da, wo er auch das Steuer in der Hand hatte. Wie weit habe ich Ihn einbezogen in die Findung meines Berufes, meiner Partnerschaft. Wie durfte Er mit Seiner Berufung für mich präsent sein die ganze Zeit meiner Ressourcenausschöpfung über. Das sehe ich vor allem daran, wie ich mich bemüht habe, sein Wort als Grundprinzip meiner Lebensgestaltung habe wirksam werden lassen. Oftmals machen sich Christen hier auch etwas vor. Sie wollen etwas und beten dann: Herr, lass es Dein Wille sein! Und dann tue, was du willst.

Kommt dann mein Lebensentwurf in die Krise, wissen wir auch schon, wie Gott es lösen soll. Aber am Ende hat ja alles Beten nichts geholfen. Denn Gott erfüllt zwar alle Seine Verheißungen, aber nicht alle meine Wünsche. Der Job ist weg, die Partnerin flöten… Der Rosenkrieg dümpelt noch vor sich hin. Die Kinder werden darin „vom Partner“ sinnlos auf’s Spiel gesetzt. Also kann man sich doch nicht wirklich verantwortet festlegen in dieser Weltzeit – und schon gar nicht bis dass der Tod uns scheidet.

Wäre es nicht besser, sich nicht zu entscheiden. Weder für einen bestimmten Partner, noch einen Beruf, noch diesen oder jenen Lebensentwurf, sondern alles möglichst unverbindlich zu halten? Man lebt zusammen bis man merkt, man hat sich nichts mehr zu sagen. Dann geht man halt in unverbindlicher Freundschaft auseinander ohne einander weh zu tun. Da wir uns nicht gebunden haben, brauchen wir uns auch nicht richtig zu trennen.

der Teufelskreis als Nebelbombe

So ist mittlerweile eine neue Generation von Eltern herangewachsen, die genau das ihren Kindern durch ihr praktisch gelebtes Leben vermittelt unabhängig davon, was sie ihnen sonst erzählen: Leg dich nur nicht endgültig fest, du wirst es bereuen, denn du könntest ja eine Möglichkeit für dein ganz großes Glück verpassen. Oder anders ausgedrückt: Nutze nie deine Freiheit wirklich, weil du damit deine Möglichkeiten einschränkst. Deine genutzte Freiheit ist der Todfeind deiner Möglichkeiten.

So bewegen sich mittlerweile extrem viele im Kreisverkehr ihres Lebens und können sich für keine Ausfahrt entscheiden, weil sie dadurch die anderen verlören. Sie haben als Sklaven ihrer Möglichkeiten ihre Freiheit geopfert im Glauben frei zu sein. Die Nebelbombe wirkt.

einer Statistik glauben oder sie lieber auswerten

Ganz unrecht scheinen die Auguren der Unmöglichkeit ewiger Entscheide ja nicht zu haben. Werden nicht 50% der ewigen Lebensbünde bald wieder getrennt, verlassen nicht viele „Priester auf ewig“, nach einigen Jahren die Herde, um ein einzelnes Tier besonders zu hegen bzw. sich pflegen zu lassen? Alle haben es doch anfangs (hoffentlich) ernst gemeint. Was bei jedem gescheiterten Versuch übrig bleibt, sind Wunden, die sich – je nachdem wie ich damit umgehe – zu Depressionen oder seelischen Verkrüpplungen auswachsen können.

Ziel erfasst – die ewige Liebe Gottes als angewandter Maßstab

Gott hat uns für ein ewiges Ja, eine ewige Liebe geschaffen. Er hat es uns in Jesus ja auch zugesprochen. Er wäre ein Sadist, wenn Er uns dafür nicht auch die Mittel gegeben hätte, dieses Ziel auch zu erreichen. Dieser Weg fängt damit an, dass wir Gott bewusst in die Mitte als Prinzip unserer Entscheidungsfindung stellen. Wir erkennen dann irgendwann, dass wir nicht nur mit Worten beten, sondern auch mit unserem Leben und mit unseren Taten etwas zu Ihm und zueinander sagen. Verhaltensweisen und Taten sagen etwas, auch wenn wir uns durch unsere Worte und rechtlichen Übereinkünfte nicht festlegen wollen. Wenn wir in die Schrift schauen, bedeutet zum Beispiel „Sex“ „ganz eins werden“ mit der anderen Person. Der Körper spricht aus, was Hirn und Mund nicht sagen wollen. Taten sind gewichtiger als Worte. Paulus sagt das auch sehr deutlich hinsichtlich einer bestimmten Verfehlung in Korinth. Wer zur Prostituierten geht, wird eins mit ihr – und das nicht nur in diesem Schäferstündchen (1 Kor 6,16). Das gilt aber nicht nur in dieser Beziehung, sondern in jeder anderen sexuellen Beziehung auch. Fokussieren heißt hier also: Erkennen, was Gott mit mir in meinem Leben vor hat. Das heißt „Nein“ sagen zu allem, was zwischendurch passieren könnte, damit ich nicht die eine Beziehung belaste oder zerstöre, in der ich die ewige Liebe finde. Dazu muss ich mich dann entscheiden. Frei handle ich nur, wenn ich mich zu einer meiner Möglichkeiten aufgrund meines Lebenszieles entscheide und das dann auch treu durchziehe.

Ausbruch aus dem Kreisverkehr

Der Schlüssel zum Erfolg liegt dann weiter in der Übung. Täglich muss ich mein Ja stärken, indem ich lerne Nein zu sagen zu neuen Möglichkeiten, die meine getroffene Wahl gefährden. Dazu gehört auch das Gebet und Umkehr; denn es ist schwer immer auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn wir nur aus unserer eigenen Kraft voranschreiten wollen. Ich habe manchmal die Versuchung bei einer Bahnfahrt aus meinem Zug auszusteigen und in einen anderen einzusteigen, ohne zu wissen, wo der hinfährt. Aber dadurch gefährde ich, zur rechten Zeit an mein Ziel zu kommen.

Es wird sicher auch Niederlagen auf dem Weg geben. Rabbi Buchanan sagte dazu einmal: Das Fallen ist nicht die große Sünde des Menschen. Wir sind schwach und die Versuchung ist groß. Die große Sünde des Menschen ist, dass wir uns zu jeder Zeit zu Gott hinwenden könnten, es aber nicht tun. Darum sind wir aufgerufen, uns regelmäßig in der Tagesreflexion und im Bußsakrament vor Gott zu Ihm hinzukehren, um neue Kraft zu schöpfen aus dem Vertrauen auf Ihn (Jes 40, 31).

Holzwege und befestigte Straßen

Gottes Gebote dienen nicht dazu, uns den Spaß zu verderben, sondern dazu, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Darum warnt er uns vor Wegen, die aus Holz sind und verrottend im Morast enden. Viele Gebote erscheinen uns heute vor dem Hintergrund unseres Zeitgeistes als einengend, verstaubt und nicht mehr unserer Kultur angemessen – vor allem wenn die Schrift selbst auf die Zeitbedingtheit mancher Aussagen hinweist. Das mag in Einzelfällen auch wirklich so sein. Aber darauf, was zeitbedingt ist und was nicht, komme ich verantwortbar nicht, indem ich einfach mal etwas anderes tue, sondern indem ich vor Gott und in der Gemeinschaft der Glaubenden prüfe, was jetzt und hier Gottes Wille ist. Meine Erfahrung ist, dass selbst da, wo die Schrift hinweist auf zeitbedingte Gebote, oft mehr an Weisheit auch für unsere Zeit dahinter steht, als wir es uns manchmal zugestehen wollen.

Frei bist du erst dann, wenn du frei handelst

Wir haben heute in unserer Kultur viele Möglichkeiten. Frei werden wir aber erst dann, wenn wir eine Möglichkeit auswählen, uns dafür entscheiden und sie in Treue umsetzen. Um ein Bild zu gebrauchen: Der Durst wird erst durch das Glas Wasser gestillt, dass ich trinke, nicht durch die Gläser mit unterschiedlich bunten Inhalten, die ich in Reichweite behalte. Damit das keine Willkür wird, die uns scheitern lässt, weil ich vielleicht etwas giftiges erwischt habe, brauchen wir als Kriterium unserer Entscheidung das Wort Gottes, wie wir es in der Schrift und in der Lehre der Kirche wiederfinden in Kombination mit dem Gebet und dem Gespräch über unsere Situation. Damit kann man immer wieder anfangen, und zwar egal wie oft man schon gescheitert sein sollte.

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