Verfasst von: adrian4xp | April 25, 2016

Aufbruch der neu erwachenden Kirche

Ein Buch von Manfred Lütz über die Kirche heißt „Der blockierte Riese“. Das ist ein guter Titel. Evangelisch und katholisch zusammen dürften wir in Deutschland noch ca 2/3 Taufscheinchristen haben. Der Einfluss aber wird immer geringer. Was trieb uns in so eine Blockade, in diesen komatösen Schlaf?

Nach der Wende in der Neuzeit (Renaissance/Reformation) zum Subjekt in Glaube, Wissenschaft und Wirtschaft, fand mit der Moderne (grob ungefähr mit der französischen Revolution) ein erneuter Paradigmenwechsel statt. Ich würde ihn mit „Emanzipation“ benennen, es wird zumeist das Zeitalter der „Aufklärung“ benannt. Weg von der Bevormundung durch eine sourveräne, absolutistische Herrschaft in Staat, Kirche und Wissenschaft hin zu „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“. Das war zumeist noch eine Befreiung „Freiheit von“, „gegen eine Herrschaft von Gottes Gnaden“ und ein „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Mit dieser Selbstermächtigung von Herrschaft hatte die katholische Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Problem, sah sie darin doch vor allem die Tendenz zur Ersetzung des Glaubens an den wahren Gott durch die jeweils modernste gottlose Ideologie, die dann tatsächlich in regelmäßigen Wellen über Europa und Asien hinwegschwappten. So wurden theologisch und sozial Bollwerke aufgebaut, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein die Kirche als einen sicheren Hort erhielten. Parallel gab es solche Burgen auch in Deutschland im protestantischen Millieu und in der Sozialdemokratie. Wobei letztere deutlich offener für den Zeitgeist waren bzw erst durch ihn entstanden.

Die demographischen Wirren der Flüchtlingsströme des Zweiten Weltkrieges und spätestens das 2. Vatikanische Konzil beendeten diese Verweigerungshaltung, die zwar etwas Richtiges und Wichtiges sah, aber wie so oft aus einer „Angst“ heraus, das Kind mit dem Bade ausschüttete. Das alte Kirchenbild war unzweifelhaft zerbrochen. Das Neue ist noch nicht vorhanden oder nur im Knospenstatus sichtbar. Das Alte – und warum es heute nicht mehr funktioniert – beleuchtet das Interview mit Regens Hartmut Niehues hervorragend. Knospen des Neuen zeigen sich in diversen oft noch fast subkulturellen Bewegungen, wie zB. dem Preacherslam (hier zB mit dem sehr wertvollen Beitrag von Juliane Link) oder eben auch in den neuen geistlichen Bewegungen wie zB die Charismatische Erneuerung mit ihrer Art von Jugendarbeit. Das Neue wird in jedem Fall etwas sein, das im Kern nicht mehr so hauptamtlich und schon gar nicht mehr priesterzentriert sein wird. Vielmehr wird zum Kern der neuen Strukturen gehören, dass man charismenorientiert schaut, wie sich Gemeinde, Seelsorge und eben auch Theologie, die oft blutlos geworden ist, etc neu strukturieren kann. Vor allem wird man aufhören müssen nötige geistliche Prozesse durch schlecht verkappte Strukturprozesse ersetzen zu wollen, weil man Angst hat, Macht abzugeben, „weil die ja missbraucht werden könnte“. Ja, auch auch Bischöfe wissen heute oft nicht (allein), wohin die Reise führt. Aber sich vor die Tür zu setzen und keinen durchzulassen, ist keine Option (vgl dazu Mt 23,13). Die Angst statt einer Erneuerung käme nur eine Modernisierung heraus, darf nicht dazu führen, dass man überhaupt nichts mehr wagt. Heute scheint es Hirten zu geben die, weil sie selbst nicht in ihrer Art um die Menschen kümmern können, das Kümmern lieber gleich sein lassen und dann vom heiligen Rest schwafeln.

Wie aber geht es weiter? Eigentlich eine blöde Frage in der Kirche; denn die Antwort liegt wie immer auf den Knien. Entscheidend wird aber sein, dass dabei alle, also damit meine ich jetzt auch wirklich alle, in der Kirche dadurch entdecken, dass sie Leib Christi sind und nicht nur Mitglied in einem Verein. Vielleicht sollte jeder jeden Tag solange die Pfingstsequenz beten, bis der Geist jedem Einzelnen gewiesen hat, was Seine Aufgabe im Reich Gottes ist. Die Kirchensteuer hat und ist für die Kirche ein zwiespältiger Segen. Sie ermöglicht einerseits vieles an guter Arbeit in und für die Gesellschaft; sie macht andererseits aber auch satt und erzeugt eine Dienstleistungsmentalität, die es im Leib Christi eigentlich nicht geben darf. Wenn wir uns nicht vom Heiligen Geist durchströmen lassen sind wir ein toter Leib und die Desintegration des irdischen Körpers schreitet voran.

Im Interview mit dem Regens gibt es eine Passage, die auch er schon als zentral markiert hat. Dabei berichtet er von einer Zeitgeistforscherin, die den Zeitgeist als einen Mangelkreislauf bezeichnet. Eine Leerstelle, ein Mangel erzeugt eine Sehnsucht. Daraus wird ein Produkt oder eine Dienstleistung gemacht mit einer Verheißung auf Erfüllung. Hat man das Produkt oder die Dienstleistung, stellt sich aber heraus, dass es nicht das war, was meine Leerstelle ausfüllen kann. Man bleibt so leer wie zu Beginn. Aber dann wartet schon das nächste Produkt mit der nächsten Verheißung.

Wir haben von Gott her genau das, was die eigentliche Antwort auf diese Leerstelle ist; denn dafür hat Gott sie erschaffen. Es ist die Botschaft vom liebenden Gott, der mich vorgängig zu aller Leistung und trotz aller Schuld bedingungslos annimmt und liebt. Jeder kann kommen wie er ist; aber keiner muss so bleiben. In diese Beziehung hinein einzuladen, sind wir gerufen – und zwar jeder einzelne, der in dieses Trauen hineingetauft ist. Gott wird uns dann auch schenken zu erspüren, welche neuen Strukturen es dafür braucht. Er wird das aber nicht ohne uns machen und schon gar nicht, ohne dass wir den Schritt auf’s Wasser wagen, um ihm zu begegnen. Hauptamtliche, Geweihte (eigentlich Innendienstler) allen voran, müssen dafür aber nicht nur Macht aufgeben, sondern sich ihm ganz neu hingeben. „Laien“ aber auch (Außendienstler).

Gott sei Dank, geschieht dieser Aufbruch ja auch schon – wenn auch noch zaghaft und vielfach gebremst durch das Gegenteil des Glaubens, die Angst. Aber Gott hat alle Zeit der Welt und alle Macht. also: don’t panic.

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